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| ...und die ermordeten Prinzen |
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Achtung Spoiler! Sie sollten diesen Beitrag erst nach dem Roman Das Spiel der Könige lesen. Wie im Nachwort zu Das Spiel der Könige angekündigt, will ich hier ein wenig ausführlicher auf die Frage nach dem Mörder der Prinzen eingehen: Richard III. oder Richard of Gloucester, wie er vor seiner Krönung hieß gehört wohl zu den umstrittensten Gestalten der englischen Geschichte. Und die Entscheidung, ob er ein Erzschurke oder ein fähiger, für seine Zeit allenfalls durchschnittlich grausamer Herrscher war, hängt letztlich an einer einzigen Frage: Hat er seine beiden Neffen im Tower ermorden lassen oder nicht? Jahrhundertelang galt als gesichert, dass Richard der dämonische Bösewicht und Mörder war, den wir von Shakespeare kennen. Etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch wurden Zweifel laut, und es bildete sich eine Fraktion, die den Standpunkt vertrat, Richard sei unschuldig und Opfer von Verleumdungen der Tudor-Propaganda. Immerhin war die Lancaster-Tudor-Partei ja als Sieger aus den Rosenkriegen hervorgegangen, und dem Sieger gehört nicht nur die Beute, wie wir wissen, sondern auch die Geschichtsschreibung. Richard, hieß es also mit einem Mal, war unschuldig am Mord seiner Neffen. Die Fraktion, die diese Meinung vertrat (und es bis heute tut) nennt sich die „Revisionisten“. Die gegnerische Partei, die sogenannten „Traditionalisten“, halten trotz manch offener Fragen und Ungereimtheiten an der Überzeugung fest, dass Richard der Mörder seiner Neffen war, und zu den Traditionalisten zähle auch ich. Die Geschichtswissenschaft ist nicht an die Grundsätze eines rechtstaatlichen Verfahrens gebunden und muss im Zweifel nicht für den Angeklagten entscheiden. Sie darf es nicht einmal. Ein Freispruch für Richard ist nur möglich, wenn man die vorliegenden Fakten verbiegt oder ignoriert, und das sollte man bei der historischen Wahrheitssuche tunlichst vermeiden. Zu den wichtigsten Vertretern der Revisionisten im literarischen Bereich zählen Sharon K. Penman (The Sunne in Splendour, leider nicht auf Deutsch erschienen) und Josephine Tey (Alibi für einen König, Originaltitel The Daughter of Time), deren Bücher ich mit großer Bewunderung und auch mit Vergnügen gelesen habe. Trotzdem glaube ich, dass die Kolleginnen sich im Irrtum befanden, und ich möchte hier kurz auf ihre Argumentationen eingehen, da meine revisionistisch gesinnten Leserinnen und Leser ihre Werke vermutlich ebenfalls kennen: Penman gründet ihre Behauptung, Richard sei unschuldig am Tod seiner Neffen, vor allem darauf, dass er kein Motiv gehabt habe, da die frühere Ehe zwischen Edward IV. und einer gewissen Eleanor Butler die beiden Prinzen im Tower zu Bastarden gemacht habe, sodass sie doch sowieso niemals die Krone hätten erben können. Klingt plausibel, oder? Stimmt aber nicht. Zum einen handelte es sich bei der angeblichen Verbindung zwischen König Edward und Eleanor Butler nicht um eine Heirat, sondern um ein „plight troth“, ein Eheversprechen. Das war keine Kleinigkeit und durfte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, denn es war verbindlich. Aber nicht unauflösbar. Genau solch ein „plight troth“ war es auch, das die zwölfjährige Margaret „Megan“ Beaufort an John de la Pole band, doch ein Wort des Königs reichte, um es aufzulösen, sodass sie Edmund Tudor heiraten konnte. Das ist schon einmal das erste wacklige Bein, auf dem das Argument der Revisionisten steht: Selbst wenn ein solches „plight troth“ zwischen Edward und Eleanor geschlossen worden sein sollte wofür es keinen stichhaltigen Beweis gibt wäre es keinesfalls unmöglich für den spitzbübischen Edward gewesen, sich vor der Heirat mit Elizabeth Woodville aus dem Verlöbnis mit Eleanor Butler herauszuwinden. Das zweite wacklige Bein sind die Zeugen für dieses angebliche Eheversprechen. Es war der schwer kranke, greise Robert Stillington, Bischof von Bath und Wells, der diese Bombe zu dem für Richard so wundersam passenden Zeitpunkt im Sommer 1483 platzen ließ und behauptete, er persönlich habe dieses „plight troth“ zwischen Edward und Eleanor Butler bezeugt. Die Anwesenheit eines Geistlichen beim Tausch eines solchen „plight troth“ war aber überhaupt nicht erforderlich und darum unüblich. Wieso König Edward also einen Bischof mit zu der heimlichen Verlobung genommen haben sollte, die, falls sie stattgefunden hat, doch nur dazu diente, die schöne Eleanor in sein Bett zu locken, das wissen wohl nur die Revisionisten. Übrigens: Selbst Richard und seinen Anhängern muss die Mär vom „plight troth“ ziemlich hanebüchen vorgekommen sein, denn zur Sicherheit ließen sie gleichzeitig auch noch einmal das alte Gerücht kursieren, König Edward selbst sei ein Bastard gewesen, das Warwick der Königsmacher schon fünfzehn Jahre zuvor ins Feld geführt hatte. Und das Beste kommt noch: Im März 1485 starb Richards Gemahlin Anne Neville, woraufhin Richard beschloss, seine Nichte Elizabeth zu heiraten. (Sharon Penman bestreitet diese Absicht, sie gilt aber inzwischen als zweifelsfrei erwiesen). Hätte König Richard seine Nichte heiraten wollen, wenn er sie für einen Bastard gehalten hätte? Sicher nicht. Er wollte sie haben, um seinen Anspruch auf die Krone zu untermauern. Wenn aber Elizabeth kein Bastard war, dann waren es ihre Brüder, die verschollenen Prinzen, ebenso wenig. Trotz alledem will Ms. Penman uns in ihrem Roman weismachen, die beiden Prinzen hätten keinen Anspruch auf die Krone geltend machen können, somit habe Richard auch kein Motiv gehabt, sie zu ermorden. Sie verdächtigt stattdessen den Duke of Buckingham, der ihrer Meinung nach die Prinzen aus dem Wege räumen ließ und den Verdacht auf Richard lenkte, um selber als lachender Dritter die Krone zu ergattern. Ich würde nicht ausschließen, dass Buckingham zu so etwas fähig gewesen wäre von den Akteuren dieses turbulenten Sommers und Herbstes 1483 ist er mir weiß Gott nicht der Liebste. Nur: Selbst nach einem höchst unwahrscheinlichen Sturz Richards hätten immer noch dessen Sohn und der Thronanspruch Henry Tudors zwischen Buckingham und der Krone gestanden. Ein Kinderdoppelmord für so einen ungewissen Lohn? Eher nicht. Buckingham fällt als Täter aus, so gern die Revisionisten ihn auch in der Rolle sähen, denn er hat kein überzeugendes Motiv. Außerdem gibt es in keiner der zeitgenössischen Chroniken auch nur einen geflüsterten Verdacht gegen ihn. Die Frage der Chronisten bringt uns zu Josephine Tey. In ihrem Roman Alibi für einen König rollt ein ans Bett gefesselter Inspektor von Scotland Yard Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts aus Langeweile den Fall Richard nochmals auf und kommt zu dem gleichen Schluss wie Ms. Penman: Richard war unschuldig. Tey gründet ihre Schlussfolgerung zum einen auf eine ganze Reihe historischer Fehlinformationen, auf die hier einzugehen den Rahmen sprengen würde, aber glauben Sie mir, es ist so. Und sie entwickelt eine relativ schlichte Methode, Richard von allen Vorwürfen reinzuwaschen, indem sie die Chronisten, die ihn belasten, diskreditiert. Das ist ziemlich schlau (weswegen Anwälte in amerikanischen Spielfilmen das ja auch immer mit gegnerischen Zeugen tun), aber einer genaueren Betrachtung hält es nicht Stand: Der Chronist, der für Richards schlechtes Image die größte Verantwortung trägt, ist Sir Thomas More, welcher eine Biographie über Richard verfasste (History of Richard III, Erscheinungsjahr unbekannt). Er beschreibt minutiös, wie Richard den Mord an seinen beiden Neffen in Auftrag gegeben hat, wie genau die Tat ausgeführt wurde usw. Aber, stellt Ms. Tey empört fest, Thomas More war erst fünf Jahre alt, als die Prinzen im Tower verschwanden! Stimmt. Doch als More seine Richard-Biographie verfasste, konnte er auf eine Reihe von Zeugen zurückgreifen, die 1483 in der ersten Reihe gesessen hatten. Und, fährt Ms. Tey ebenso empört fort, More war ein Tudor-Anhänger, der es sogar unter Henry VIII. zum Lord Chancellor brachte! Natürlich hat er geschrieben, was die Tudors lesen wollten! Wirklich? Für diejenigen, die es vielleicht vergessen haben, sei daran erinnert, dass Sir Thomas More erst sein Amt und dann seinen Kopf verlor, weil er sich weigerte, Henry VIII. als Oberhaupt der Englischen Kirche anzuerkennen. Ich glaube, viel mehr kann man nicht tun, um seine politische Integrität und Unbestechlichkeit zu beweisen. Zu Mores Quellen gehörte unter anderen auch John Morton, 1483 Bischof von Ely, in dessen Haushalt More ein paar Jahr erzogen worden war. Ach, Morton!, ereifert sich Ms. Tey. Der hat schon im Juni 1483 gegen Richard rebelliert und es unter den Tudors weit gebracht. Das ist richtig. Na und? Da er ja nicht der einzige ist, der Richard den Mord an den Prinzen vorgeworfen hat, ist doch wohl wahrscheinlich, dass er zusammen mit William Hastings im Juni 1483 rebellierte, weil er Richards Machtergreifung vereiteln wollte. Eine von More völlig unabhängige Quelle, die Richard belastet, ist der Chronist der Crowland-Abtei. Ihn tut Ms. Tey mit dem Hinweis ab, dass Crowland in der Diözese Ely liege und er daher unter Mortons Fuchtel gestanden habe. Jetzt wird Ms. Tey absurd. Erstens war Bischof Morton zu der Zeit, als der Chronist die Ereignisse beschrieb, in Wales in der Gefangenschaft bzw. in Frankreich auf der Flucht, und zweitens waren die Klöster völlig unabhängig von den Diözesen. Zwischen dem Abt von Crowland und dem Bischof von Ely bestand weder Interessengemeinschaft noch Weisungsbefugnis. Die letzte zeitgenössische Quelle, die Richard belastet, wiegt vielleicht am schwersten, weil sie völlig unabhängig ist: Dominic Mancini war ein italienischer Gelehrter aus bester römischer Familie, der als Gesandter und möglicherweise auch als Spion des Erzbischofs von Vienne Anfang 1483 für ein halbes Jahr nach England kam und nach seiner Heimkehr einen Bericht mit dem Titel „Die Usurpation Richards III.“ verfasste. Er beschreibt, dass die beiden Prinzen immer seltener im Tower gesehen wurden und schließlich gänzlich verschwunden seien. Er habe viele Männer in Tränen und Wehklagen ausbrechen sehen, sobald die Prinzen erwähnt wurden, und es werde vermutet, sie seien ermordet worden. Als Quelle nennt Mancini Dr. Argentine, den Leibarzt des Prince of Wales. Da selbst Ms. Tey vermutlich kein plausibles Argument eingefallen ist, um Mancinis Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen, hat sie ihn und seinen Bericht kurzerhand unterschlagen. Oder vielleicht hat sie auch nichts von seinem Bericht gewusst. Der wurde nämlich erst in den 1930er Jahren gefunden und war möglicherweise noch nicht allgemein bekannt, als sie rund 20 Jahre später ihren Kriminalroman verfasste. Jedenfalls strickt Ms. Tey sich eine Lösung zurecht, die viele Revisionisten bevorzugen: Richard hat den Prinzen kein Haar gekrümmt. Sie waren noch am Leben, als Henry „Richmond“ Tudor die Schlacht von Bosworth gewann und Henry VII. von England wurde. Der neue König fand die Prinzen im Tower vor oder wo auch immer und weil sie ihm hätten gefährlich werden können, ließ er sie ermorden. Ich behaupte nicht, dass das vollkommen ausgeschlossen ist. Bei aller Sympathie für Henry muss selbst ich einräumen, dass er in dem knappen Vierteljahrhundert seiner Regierung nicht gerade zimperlich mit yorkistischen Thronprätendenten umgegangen ist echten wie auch Hochstaplern −, von denen er immer wieder heimgesucht wurde. Nur: Diese Theorie ist reine Spekulation. Einmal abgesehen von der Frage, wie es möglich sein sollte, dass die beiden Prinzen zwei Jahre lang niemand gesehen hat, gibt es nicht ein einziges handfestes Indiz, das Henry Tudor belastet. Ganz im Gegensatz zu Richard. Für ihn sprechen eine ganze Reihe von Indizien: Er hatte das beste Motiv, denn nur die beiden Prinzen standen zwischen ihm und dem Thron. Er hatte Mittel und Gelegenheit zu diesem Mord, denn er war Lord Protector von England und durfte es laut Beschluss des Kronrates „wie ein zweiter König“ regieren. Englische Lords und Ritter verabscheuten ihn. 400 von ihnen liefen im Laufe der zwei Jahre seiner Regentschaft zu Henry Tudor über, und bei der entscheidenden Schlacht von Market Bosworth ließen sowohl Northumberland als auch die Stanleys ihn im Stich. Das ist äußerst |
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ungewöhnlich für englische Adlige des Mittelalters, bei denen ein solches Verhalten unter normalen Umständen als ausgesprochen unehrenhaft und schändlich gegolten hätte. Aus welchem Grund könnten sie Richard so verachtet haben, dass es dieses Verhalten rechtfertigte, wenn nicht aus dem, dass sie ihn für den Mörder seiner Neffen hielten?
Und last but not least: Drei voneinander unabhängige zeitgenössische Chroniken belasten Richard. Übrigens: Sir Thomas More, dessen Bericht über diese rätselhaften Ereignisse laut Ms. Tey angeblich nur auf Hörensagen, übler Nachrede und Propaganda beruhte, schrieb, dass die Prinzen nach ihrer Ermordung unter der Außentreppe zur St. Johns-Kapelle im White Tower verscharrt worden seien. Unter genau dieser Treppe wurden bei Abrissarbeiten im Jahr 1674 die beiden Kinderskelette gefunden. Auch ein Umstand, den die Revisionisten gern verschweigen. Rebecca Gablé, August 2007 |
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