Aktuell
The Making of Das Lächeln der Fortuna

Die Idee, einen historischen Roman zu schreiben, entstand während meines Studiums, als ich ein Referat über die englischen Könige Edward III. und Richard II. vorbereitete. Ich war fasziniert von den Persönlichkeiten dieser beiden so unterschiedlichen Herrscher, fasziniert aber vor allem von der spätmittelalterlichen Epoche, die sie beide mitgeprägt hatten: das 14. Jahrhundert, das soziale Umwälzungen und Revolten ebenso wie Pest und Krieg gekennzeichnet haben, und das trotzdem eine kulturelle Blütezeit war, deren Realität - soweit sie rekonstruierbar ist - so viele unserer Vorurteile über das Mittelalter widerlegt. Also erwog ich, über einen dieser beiden Könige eine Romanbiographie zu schreiben, stellte aber schnell fest, dass es mich viel zu sehr einengte, feststehende historische Fakten nacherzählen zu müssen.
Mein Mann brachte mich auf den Gedanken, die Geschichte einer fiktiven Figur zu schreiben, deren Schicksal sich mit dem der beiden Könige verknüpft. Und noch während wir darüber sprachen, hatte ich plötzlich eine Szene im Kopf: Ein zwölfjähriger Lausebengel, Sohn eines unbedeutenden kleinen Landedelmannes, reißt aus dem verhassten klösterlichen Internat aus und ...

Ich setzte mich hin und schrieb das, was heute das zweite Kapitel ist, ohne die geringste Ahnung, wie es weitergehen sollte. Diese Ausgangssituation wurde für den gesamten Roman symptomatisch. Ich recherchierte, während ich schrieb, wusste oft nicht, was als nächstes passieren würde, und die Geschichte entwickelte sehr bald ein Eigenleben und führte mich statt umgekehrt. Es bedeutete viel unnütze Arbeit, Handlungsstränge verliefen im Sande und mussten im nachhinein wieder gestrichen werden etc. – ein Chaos, das sich aber auf wundersame Weise selbst entwirrte. Und nie hatte ich die Befürchtung, den Überblick oder gar die Kontrolle zu verlieren. John of Gaunt, der Duke of Lancaster, löste schon bald die beiden Königsfiguren als historische Hauptperson ab, und ich hatte immer das Glück, die richtigen Bücher zur richtigen Zeit zu finden, wie etwa Anthony Goodmans gründliche, aber doch auch so menschliche Biographie John of Gaunt.
Das Manuskript wuchs nicht, es wucherte. Je dicker es wurde, um so überzeugter war ich, dass ich niemals einen Verlag für dieses Monstrum finden würde. Doch ich irrte mich. Der Bastei Lübbe-Verlag, der bereits zwei meiner Krimis veröffentlicht hatte, fand sich bereit, das Wagnis einzugehen – ich musste "nur" 300 Seiten herauskürzen, damit das Buch überhaupt gebunden werden konnte.

Der unerwartete Erfolg des Romans hat mir gezeigt, dass das Mittelalter – diese märchenhaft anmutende Welt von Rittern und Damen, die in Wahrheit die Realität unserer Vergangenheit ist – nicht nur auf mich eine große Faszination ausübt. Inzwischen sind drei weitere Romane aus dieser Epoche gefolgt, und einiges an meiner Arbeitsmethode hat sich natürlich geändert, seit ich mich vor über zehn Jahren hinsetzte und den ersten Satz von Das Lächeln der Fortuna schrieb. Heute plane ich ein bisschen mehr und recherchiere ein paar Wochen, ehe ich zu schreiben beginne. Aber es ist immer noch so, dass ich zu Beginn eines Romans keine Ahnung habe, wie er ausgehen wird. Nach wie vor habe ich das Gefühl, am Anfang eines Abenteuers zu stehen, wenn ich die ersten Worte schreibe. Und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt.